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Wer eine Ahnentafel oder einen Stammbaum in Auftrag gibt, blickt zurück, meist nicht im Zorn, sondern um mehr über sich selbst und seine Herkunft zu erfahren. Wer es im Zorn tut, will meist in Erbschaftsstreitigkeiten aus früheren Besitzverhältnissen Ansprüche ableiten. Einer der gefragtesten Altenforscher, der 36 Jahre junge Manuel Aicher (im Bild vor dem Stammbaum der Guetzli-Dynastie der Kamblis), schweift von Dietikon aus in die Vergangenheit anderer Leute. Mehr über Genealogie und ein prominentes Beispiel im 1. Bund

Ahnen - Puzzleteile meines Ichs

Ahnentafeln und Stammbäume sind in, immer mehr Leute wollen Aufschluss über ihre Vorvergangenheit. Der Dietiker Ahnenforscher Manuel Aicher über mögliche Gründe und über seine Wissenschaft.

 

VON MARKUS FÜRST

Der Begriff Genealogie, abgeleitet aus «Geschlecht» und «Lehre», ist die Wissenschaft, die sich mit dem Ursprung und dem Schicksal der Generationen beschäftigt. (aus: «Grundlagen der Familienforschung»)

 

«Eindeutig», sagt Manuel Aicher, Inhaber eines Büros für Genealogie und Leiter der Zentralstelle für genealogische Auskünfte der Schweizerischen Gesellschaft für Familienforschung (SGFF) – eindeutig, dass die Nachfrage nach Kenntnis der eigenen Herkunft und Vorgeschichte über die vergangenen paar Jahre gestiegen sei. «Etwa innerhalb eines Jahres nach dem Mauerfall» (Berlin, 1989), meint er. Einen möglichen Zusammenhang sieht Aicher darin, dass die Ost-West-Aufspaltung den Leuten schon Halt und Orientierungshilfe gegeben habe. Das Feindbild habe vielen geholfen, die sich jetzt neu orientieren müssten.

Manuel Aicher, genealogisch im Raum zwischen Stuttgart und Nürnberg verwurzelt und vor elf Jahren in die Schweiz gekommen (cherchez la femme), pflegt die Geschlechterkunde als Hobby, seit er 14 ist: «Ich weiss aber auch nicht mehr, warum und woher das Interesse gekommen ist.» Studiert hat er dann Jus, dabei aber festgestellt, dass dies nicht das sei, womit er seinen Alltag verbringen wollte: «Justiz hat zuviel mit Streitereien zu tun.» Genealogie habe vielleicht am ehesten etwas mit dem Puzzeln zu tun. Es sei das Spiel von Suchen und Kombinieren, das ihn fasziniere, aus Einzelteilchen ein Gesamtbild zu konstruieren, wobei sich das Puzzle auch mal nicht auflösen lasse.

Schon zu Studienzeiten in Berlin hat der Hobby-Genealoge sein Hobby mitunter versilbern können. Nirgendwo seien die Archive für Ostforschung besser bestückt als im vormals geteilten Berlin, erklärt Aicher. So habe er etwa deutschstämmigen Leuten, die im heutigen Polen oder Russland lebten, bei der Suche nach ihrer Herkunft oder nach Vorfahren geholfen.

Und in der Schweiz, wo er schliesslich das Hobby zum Beruf gemacht hat, hat er heute andererseits viele Aufträge aus den USA. «nachkommen von schweizerischen Auswanderern», so Aicher. «Die Schweiz war seit jeher ein Auswanderungsland; im 18. Jahrhundert sind die Schweizer vor allem nach Süddeutschland ausgewandert, seit dem 19. Jahrhundert zunehmend in die USA.» Dort gebe es heute sicher mindestens soviele Leute schweizerischer Abstammung wie in der Schweiz selbst. «Wenn andere Länder sich früher so verhalten hätten wie die Schweiz heute, so hätten sich die Leute hier bestimmt längst die Köpfe eingeschlagen oder wären jämmerlich verhungert.»

Die Genealogie hat ein konservatives Image – zu Unrecht, wie Manuel Aicher findet. Zwar gebe es schon etwelche «Blut- und Schollen-Forscher», aber «eigentlich ist es doch eine sehr progressive Wissenschaft, die, wie man gerade am Beispiel der Schweiz sieht, keine Grenzen kennt.» Religiöse Grenzen seien wenn schon viel bedeutungsvoller als politische. Beispiel Aargau: Die katholischen Fricktaler heirateten oft über den Rhein hinaus in deutsche oder österreichische katholische Gemeinden, kaum aber über den Bözberg in den übrigen reformierten Aargau. 

Eine Regel, die im übrigen auch die Ahnentafel des Dietiker Künstlers Bruno Weber bestätigt: Die Verbindungen gingen wohl über Kantonsgrenzen hinaus, seien aber im wesentlichen innerhalb der gleichen Konfession geschlossen worden, wie Aicher den eingesehenen Familienscheinen entnehmen konnte. Was die Tafel auch klar zeigt: Die Ahnenforschung geht von einer Person aus und zeichnet - immer schön paarweise (Eltern) - deren Herkunft auf. Sie ist in diesem Sinn auch einfacher und gradliniger als die Nachfahrentafel (Stammbaum), die von einem Vorfahr bzw. von Stammeltern ausgeht und je nachdem in wilden Verästelungen deren sämtliche verwandte Nachkommenschaft aufgezeichnet.

Wer heute bei Manuel Aicher eine Ahnen- oder Nachfahrentafel in Auftrag gibt, tut dies meist aus historischen Motiven, auf der Suche nach der eigenen Identität. Bisweilen sind ·es religiöse Gründe, etwa bei Konvertiten; die nach allfälligen Vorfahren· des angestrebten Glaubens suchen. Und ganz selten sind es materielle Gründe, vorwiegend erbrechtlicher Art, um allfällige Ansprüche zu klären. Aber aufgepasst: Die eigene Vergangenheit kann einen je nachdem teuer zu stehen kommen. Allein die Registerauszüge für Bruno Webers Ahnentafel ergaben Gebühren von rund 300 Franken, womit die Arbeit des Ahnenforschers noch nicht abgegolten wäre.